9.November 2025 Gedenken und Stolperstein-Mahngang

Am 9. November, Jahrestag der Pogrome gegen Jüdinnen und Juden wurde vom AKU ein Stolperstein-Mahngang im Rheingauviertel und ein Gedenken am Mahnmal der deportierten und ermordeten Sinti und Roma organisiert. Gekommen waren ca. 40 Menschen, die gemeinsam ihre Anteilnahme ausdrückten und sich gegen das Vergessen und den Rechtsruck in Politik und Gesellschaft stellen.

Mahngang 9.11. 2025

Begrüßung der Teilnehmer*innen:

Ich begrüße euch im Namen des AKU herzlich zu unserem Mahngang am Jahrestag der Pogrome gegen Jüdinnen und Juden heute vor 87 Jahren. Wir freuen uns, dass auch Menschen außerhalb vom AKU heute hier dabei sind. Was erwartet uns in den nächsten ca. 2 Stunden?

Aus den über 70 Stolpersteinen, die im Rheingauviertel verlegt sind, haben wir einen Mahngang zusammengestellt, der 23 Stolpersteine, verteilt auf 7 Häuser, umfasst.

Wir werden die Stolpersteine -soweit noch nicht geschehen – reinigen und dort Kerzen aufstellen und Blumen niederlegen. Die Menschen, die dort bis zu ihrer Deportation oder ihrem Tod gelebt haben, werden wir kurz vorstellen.

Es waren Menschen wie Du und Ich, Menschen wie wir, die wegen ihrer Religion, ihrer Herkunft, ihrer politischen Überzeugung und anderen von den Faschisten aufgestellten Kriterien in das Fadenkreuz der Nationalsozialisten geraten sind und von diesen und ihren Helfern ermordet oder in den Tod getrieben wurden.

Wir bekunden mit dem Mahngang unsere Anteilnahme und unseren Respekt.

Wir verbinden dies mit der Aufforderung entschieden dem aktuellen Rechtsruck weiter Kreise der Gesellschaft, fast aller Parteien und des Staates entgegenzutreten. Diese Entwicklung manifestiert sich u.a. in den Wahlerfolgen der AfD und den unerträglichen verbalen und gesetzlichen Entgleisungen gegen über Geflüchteten und armen Menschen. Wir setzen dem Menschlichkeit und Solidarität entgegen.

Wir finden es wichtig, an einem Tag wie heute, auch der Wiesbadener Sinti und Roma zu gedenken, die in Vernichtungslager deportiert und dort ermordet worden sind. Sinti und Roma werden oft vergessen.

Hierzu zwei Beispiele: Am Deportationsmahnmal an der ehemaligen Viehverladerampe hinter dem Schlachthof fehlt der Hinweis, dass dort 1943 auch die Wiesbadener Sinti und Roma in Waggons gepfercht und in das Vernichtungslager Auschwitz/Birkenau abtransportiert wurden.

Für ein würdevolles, nicht durch Verkehrslärm gestörtes, Gedenken an die Wiesbadener Sinti und Roma am Mahnmal in der Bahnhofstr. musste die Initiative „Der 8. Mai muss ein Feiertag werden“ für ihre Demo und Kundgebung das Verwaltungsgericht bemühen, nachdem die Stadtverwaltung „keine Rechtsgrundlage“ für eine Kundgebung mit vom Verkehr befreiter Bahnhofstr. gesehen hatte.

Da es in Wiesbaden und damit auch im Rheingauviertel keine Stolpersteine für ermordete Sinti und Roma gibt, werden wir unsere Anteilnahme und unseren Respekt am Standort des Mahnmals Geschwister Stock Platz/Bahnhofstr. ausdrücken. Dort wird es einen kurzen Redebeitrag geben. Wir werden Kerzen aufstellen und Blumen niederlegen. Danach gehen wir gemeinsam zurück ins Rheingauviertel.

Redebeitrag 9.11. vor dem Mahnmal für Sinti und Roma

Es gibt in Wiesbaden keine Stolpersteine für Sinti und Roma, da sich ihre Organisationen gegen Stolpersteine als Form des Gedenkens ausgesprochen haben. Es gibt das Mahnmal für die deportierten und ermordeten Sinti und Roma aus Wiesbaden und Umgebung hier in der Bahnhofstr.

Heute stehen wir nur vor einer Plakatwand, da das Mahnmal wegen Bauarbeiten auf dem dahinter liegenden Gelände z.Zt. auf dem städtischen Bauhof ausgelagert ist. Das Mahnmal erinnert an 119 Sinti und Roma, die am 8. März 1943 hier entlang zur Viehverladerampe des Schlachthofs getrieben wurden, um in das Vernichtungslager Auschwitz/Birkenau abtransportiert zu werden.Es waren Menschen wie Du und ich. Es waren Menschen wie wir. Für die Nazis gehörten sie zu einer „minderwertigen außereuropäischen Fremdrasse“. Es waren nicht SS, NSDAP oder die GeStaPo, die Listen, der in Wiesbaden und Umgebung lebenden Sinti und Roma, aufstellten. Es waren Wiesbadener Kriminalpolizisten.

Es waren nicht SS, NSDAP oder GeStaPo, die im März 1943 119 Sinti und Roma – vom Säugling bis zur Greisin- anhand dieser Listen verhafteten und in der jüdischen Synagoge in der Friedrichstr. zusammenpferchten, Es waren Wiesbadener Kriminal- und Schutzpolizisten. Es waren weder SS, noch NSDAP, noch GeStaPo, die 119 Sinti und Roma quer durch die Innenstadt zur Viehverladerampe des Schlachthofs in Waggons getrieben haben. Es waren Wiesbadener Schutzpolizisten. Von Befehlsverweigerungen in den Reihen der Wiesbadener Kriminal- und Schutzpolizei ist nichts überliefert. Genauso verhält es sich mit strafrechtlichen oder sonstigen Konsequenzen für die beteiligten Kriminal- und Schutzpolizisten. Der Weg der 119 Sinti und Roma am 8. März 1943 führte durch die Wiesbadener Innenstadt und über den Hauptbahnhof. Viele Menschen müssen die Sinti und Roma gesehen haben. Gab es Mitleidsbekundungen? Gab es versteckte oder offene Solidarität? Wir wissen es nicht.

Das Mahnmal steht, wenn es wieder am gleichen Ort aufgestellt wird, an der richtigen Stelle. Herr Ricardo Lenzi Laubinger, der Vorsitzende der Sinti Union Hessen, den wir als aktiven Mitstreiter in unserer Initiative „Der 8. Mai muss ein Feiertag werden“ kennen- und schätzen gelernt haben, könnte dies viel besser erklären als ich. Er kann heute leider nicht persönlich anwesend sein und schickt solidarische Grüße an alle Teilnehmer*innen.

An der Stelle, wo heute das Mahnmal steht, schrie am 8. März 1943 ein Kleinkind, dass sich mit seiner Mutter in der Gruppe von Sinti und Roma befand. Ein “Schutzpolizist“, der zu den Bewachern gehörte, fühlte sich vom Geschrei des Kindes gestört. Er entriss das Kind aus den Armen der Mutter und schlug es mit dem Kopf auf den Bordstein der Bahnhofstr. auf. Das Kind war sofort tot. Die Mutter verzweifelt. Die Schutzpolizisten haben die Sinti und Roma weiter zur Viehverladerampe des Schlachthofs getrieben. Es braucht nicht erwähnt zu werden, dass dieser Mord für den beteiligten Schutzpolizisten ohne strafrechtliche Konsequenzen geblieben ist. Mehr als die Hälfte der Wiesbadener Sinti und Roma – darunter 40 Kinder- sind in Auschwitz und anderen Vernichtungslagern ermordet worden. Wir gedenken mit Anteilnahme und Respekt der deportierten und ermordeten Sinti und Roma. Sorgen wir gemeinsam dafür, dass Parteien und Bewegungen, die Menschen in sog. „Rassen“ aufteilen und nach Wertigkeiten sortieren, nie wieder auch nur in die Nähe von politscher Macht kommen.